GESCHICHTE & DENKMALSCHUTZ ( A )

10.01.2014 00:00

Hier lesen Sie alles über die Geschichte bzw. Entstehung der Siedlung Ludwigsfeld.

 

 

KZ-Außenlager Allach

oder Gefangenen-Lager für Russen, der B.M.W. gehörig

 

von Jewgenij Repnikov

 

 

Die BMW Flugzeugbau GmbH begann ab Mai 1942 mit dem Bau des Gefangenenlagers für Russen, der BMW gehörig. So lautete die erste Bezeichnung des KZ-Außenlagers Allach, des größten Außenlagers des KZ Dachau, das ab März 1943 auf Flächen der Gemarkung Feldmoching, gleich östlich des 1940 auf Betreiben der BMW verlegten Schwabenbächls, seinen Betrieb aufnahm, um das BMW-Werk Allach mit Arbeitskräften zu versorgen, von denen der Großteil KZ-Häftlinge waren.

Die jeweiligen Besitzer aus Feldmoching, Ludwigsfeld und Karlsfeld mussten für die entsprechenden Grundstücke im Schlechtfeld, laut der Aussage des damaligen Ortsbauernführers in Feldmoching, am 29.4.1942 einen Pachtvertrag mit den BMW abschließen. Auf diesem Gelände wurden, angefangen mit der Kanalisation, die entsprechenden Gebäude und Anlagen errichtet: Wohnbaracken, Sanitärbaracken für die Häftlinge und die Bewacher, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, Wachbaracken, Bunker für die Bewacher, Splittergräben für die Häftlinge, Trafostation, Umzäunung mit Wachttürmen.

Außerdem gab es einen Stall für die Hunde und ein als Arrestbunker bezeichnetes Gefängnis. Nach der Beendigung der Herstellung des Sammelrohrkanals für das Russengefangenenlager zur Barackenstadt I, Lager Ludwigsfeld der BMW an der Dachauer Straße, begann man Ende Oktober 1942 mit der Entwässerungsanlage für die Entlausungsbaracke /hier befindet sich heute die russisch-orthodoxe Kirche des Hl. Erzengels Michael an der Achatstraße/.

Auf allen Plänen und sonstigen Dokumenten über den Bau der Entwässerungsanlage für das KZ-Außenlager sind als Anwesenseigentümer oder Bauherr die BMW Flugmotorenbau Gesellschaft m.b.H. oder die Bayerischen Motorenwerke, München 13, Lerchenauerstraße 76, genannt.

Ab 1944 wurde das Arbeiter-Erziehungslager Allach (Konzentrationslager)  (ehem. Russenlager) /so wurde das Lager inzwischen auch bezeichnet/ nach Osten erweitert. Für diese Lagererweiterung wurde am 3. Januar 1944 ein weiterer Pachtvertrag mit Feldmochinger Landwirten abgeschlossen. Die drei östlichen Reihen dieser Baracken bildeten das OT-Lager Karlsfeld, das ab Juli 1944 vornehmlich mit jüdischen Häftlingen belegt wurde.

Im Laufe der Erweiterung des KZ-Außenlagers nach Osten entstand auch eine massive Sanitätsbaracke in U-Form, in der es ein Arztzimmer, einen OP-Raum, eine Apotheke, aber auch eine Leichenkammer gab /diese Baracke stand noch bis Anfang der 70er Jahre an der Ecke Smaragd- und Granatstraße/.

Und so entstand auf den Grundstücken Pl. Nr.Nr. 3717, 3712, 3712 ½, 3690 ½, 3690, 3686 ½, 3686, 3716, 3713, 3710, 3705, 3687, 3688, 3689 der Gemarkung Feldmoching mit ca. 23 ha das KZ-Außenlager Allach des KZ Dachau, der tödlichste Ort in München während des 2. Weltkriegs.

In diesem Lager waren während seines Bestehens einige zehntausend Häftlinge aus mehr als 30 Nationen unter schlimmsten Bedingungen inhaftiert. Sie wurden nicht nur im Allacher Werk der BMW Flugmotorenbau Gesellschaft m.b.H, sondern auch bei Arbeiten von Baufirmen wie Dyckerhoff & Widmann, Sager & Woerner, in der lagereigenen Kiesgrube /darüber befindet sich jetzt der Fußballplatz des TSV Ludwigsfeld/ und beim Bombenräumen eingesetzt.

Im Januar 1945 wurden vom OT-Lager Karlsfeld im südlichen Teil vier Baracken – drei Unterkunfts- und eine WC- und Waschbaracke – abgetrennt und mit Frauen belegt.

Laut der Aussage des Ortsbauernführers in Feldmoching wurde Anfang 1945 die gesamte Verwaltung des KZ-Außenlagers Allach von der SS bzw. vom Deutschen Reich übernommen. Der SS oblag ohnehin die Bewachung bzw. die Abstellung der Häftlinge, wofür sie von den jeweiligen Auftraggebern Geld bekam.

In einem Brief des Bayer. Staatsministeriums der Finanzen vom 7. Juni 1956 lesen wir Folgendes:

"Die BMW Flugmotorenbau-GmbH. errichtete während des Kriegs zur Unterbringung der bei ihr beschäftigten Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge 2 Barackenlager in München-Ludwigsfeld. Die Bauwerke wurden auf fremdem Grund und Boden erstellt. Mit Vertrag vom 29.3.1945 erwarb das Großdeutsche Reich, vertreten durch den Reichsführer SS, Reichsminister des Innern, Wirtschaftsverwaltung Hauptamt von der BMW-Flugmotorenbau-GmbH die beiden Lager, die als "Lager Ludwigsfeld" und "Häftlingslager" bezeichnet wurden, um einen Kaufpreis von 7,5 Mio. RM."

Am 26. April 1945 wurden aus dem KZ-Außenlager Allach mit seiner Erweiterung OT-Lager Karlsfeld etwa 2.000, vorwiegend sowjetische, polnische, deutsche und jüdische, Häftlinge auf den sog. Dachauer Todesmarsch geschickt. Ein Teil dieser Häftlinge wurde zwar am 2. Mai bei Waakirchen befreit, aber unterwegs waren viele ihrer Kameraden umgekommen.

Am 30. April 1945 wurde das Lager, das noch mit etwa 10.000 Häftlingen belegt war /viele waren aus anderen Lagern hierher velegt worden/, von der 42. Rainbow-Division der 7. US-Armee befreit. Auch diese Befreiungsaktion forderte ihre Todesopfer unter den Häftlingen, die ohnehin einen hohen Blutzoll zu entrichten hatten. Laut dem Gedenkbuch für die Toten des KZ Dachau sind im KZ-Außenlager Allach und im OT-Lager Karlsfeld während ihres Bestehens und kurz nach der Befreiung mehr als 1.000 Menschen umgekommen. Zeitzeugen sprechen sogar von mehreren tausend Opfern.

Das KZ-Außenlager wurde nicht geschlossen, denn nicht alle Häftlinge konnten nach ihrer Befreiung sofort in ihre Heimatländer zurückkehren. Nicht nur, dass es an Transportmöglichkeiten fehlte, sie waren auch wegen verschiedener Krankheiten, vor allem Typhus, unter Quarantäne gestellt. Diese Krankheiten forderten viele Tote unter den geschwächten Häftlingen. Davon zeugen auch zwei Massengräber mit etwa 200 Toten auf dem Gelände des KZ-Außenlagers. Ein Massengrab existierte bis 1948, das andere als KZ-Friedhof Karlsfeld bis 1955.

Nach der Beendigung der Quarantäne im August 1945 wurden im September 1945 die hölzernen Baracken, sog. Pferdeställe, im westlichen Teil des KZ-Außenlagers von den Amerikanern abgerissen. Die im östlichen Teil gelegenen Steinbaracken wurden ab Oktober 1945 als Internierungslager für deutsche Kriegsgefangene und ab dem Sommer 1946 von amerikanischen und deutschen Behörden als Materiallager benutzt.

 

Wir, die Bewohner der Siedlung Ludwigsfeld, wussten lange nichts darüber, was sich vor der Siedlung auf dem Gelände befand, und welche Tragödien sich hier in den Jahren 1942 – 1945 abgespielt hatten. Erst mit der Zeit kam die Wahrheit ans Licht, denn auch die Behörden taten alles, um die Vergangenheit dieses Orts im Dunkeln zu belassen. So standen zwar bis Anfang der 70er Jahre noch die Steinbaracken aus der KZ-Erweiterung 1944, aber über ihre Verwendung bis zum 30. April 1945 wurde kein Wort verloren.

Überbleibsel aus der Zeit des KZ-Außenlagers lassen sich noch immer in der Siedlung Ludwigsfeld und an ihren Rändern finden. So befindet sich mitten in der Siedlung, zwischen der Rubin- und der Opalstraße die Bodenplatte des Blocks 5 des KZ-Außenlagers, auf der noch bis September 1945 eine hölzerne Baracke, ein sog. Pferdestall, stand. Uns aber wurde sie als "Rollschuhplatte" verkauft. Die Trafostation an der Ecke Kristall- und Opalstraße stammt noch aus jener Zeit. Und die Umkleidekabine des TSV Ludwigsfeld an der Granatstraße war eine WC- und Waschbaracke der Erweiterung des KZ-Außenlagers Allach – des OT-Lagers Karlsfeld – und ist die letzte noch vorhandene Baracke.

Aber erst 1997 wurden auf Initiative von Ludwigsfelder Bürgern und Überlebenden des KZ-Außenlagers an der westlichen Seite der Baracke an der Granatstraße zwei Gedenktafeln – eine in deutscher und eine in französischer Sprache – zur Erinnerung an die vielen tausend Häftlinge des Dachauer KZ-Außenlagers  Allach-Karlsfeld angebracht. Die Baracke steht seit 2007 unter Denkmalschutz.

Leider hat das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege dem Gesamtgelände des KZ-Außenlagers Allach bis jetzt die Anerkennung als Bodendenkmal verweigert, obwohl es noch einige sichtbare bauliche Überreste des Lagers – Bodenplatte des Blocks 5, Fundamente der Entlausungsbaracke, Trafostation, Fundamente der eigens für die Häftlinge errichteten Brücke über das Schwabenbächl – gibt und auch noch einiges im Boden versteckt ist, wie die Entdeckung der Grundmauern einer SS-Wachbaracke beim Bau des Parkplatzes für die ebenfalls unter Denkmalschutz stehende russisch-orthodoxe Kirche des Hl. Erzengels Michael an der Achatstraße zeigt. Die Grundmauern wurden, soweit möglich ausgegraben, fotografisch dokumentiert und liegen nun konserviert unter der Kiesdecke des Parkplatzes.

 

Ideal wäre es, wenn das Gelände des KZ-Außenlagers Allach als Bodendenkmal anerkannt wird und der Speisesaal des ehemaligen Bundesauswandererlagers /Gaststätte und Kino/ einer würdevollen Nutzung als Kulturzentrum für die Bewohner der Siedlung Ludwigsfeld und als Gedenkstätte mit Ausstellung für das ehemalige KZ-Außenlager Allach an diesem geschichtsträchtigen Ort zugeführt wird, der wohl auf einzigartige Weise die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in München widerspiegelt.

 

...............................................................................

Bau und Belegung der "Neuen Wohnsiedlung München-Ludwigsfeld"

von

Ewgenij Repnikov M.A.

 

 

Anfang 1951 sah sich die bayerische Staatsregierung gezwungen, ein Wohnungsbauprogramm für die Personen aufzustellen, die ihre bisherigen Unterkünfte in Kasernen /und auch in früher für militärische Zwecke genutzten Barackenlagern/ verlassen mussten, weil diese jetzt von der amerikanischen Besatzungsmacht für ihre Soldaten beansprucht wurden. Nach dem Schreiben des Bundeskanzleramts (Dienststelle Blank) vom 10. Februar 1951 sollte Bayern 28 Kasernen an verschiedenen Standorten zur Unterbringung von US-Truppen räumen.

Im bayerischen interministeriellen Ausschuss war man sich schnell einig, dass die Wohnungen auf staatseigenem Gelände erstehen sollten.

In München bot sich dafür der westliche Teil des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach an. Die noch bestehenden Baracken im östlichen Teil, im ehemaligen, im Juli 1950 aufgelösten StEG-Lager, wurden Ende 1950/Anfang 1951 mit Bundesmitteln zum Regierungslager Ludwigsfeld, München 54, für sog. Kasernenverdrängte (aus der Will- und später aus der Warner-Kaserne) und zum Bundesauswandererlager München-Karlsfeld ausgebaut, so dass ohnehin staatlicherseits das Interesse bestand, das gesamte Gelände (22 ha) käuflich zu erwerben.

Die Baracken im westlichen Teil des KZ-Außenlagers Allach waren übrigens bereits im September 1945 von den Amerikanern abgerissen worden. Es waren nur noch deren Betonfundamente vorhanden, von denen eines, das bis jetzt existiert, später als Rollschuhplatte bezeichnet wurde. Darauf stand bis September 1945 die Unterkunftsbaracke Nr. 5 des KZ-Außenlagers Allach.

Die Grundstückseigentümer aus Ludwigsfeld, Karlsfeld und Feldmoching hatten das Gelände bereits früher an die Reichsbahn abgetreten, die wohl auch dort (im Schlechtfeld) ursprünglich Kies für den Rangierbahnhof entnehmen wollte, dann aber große Flächen an die BMW AG für den Bau von Fremd- und Zwangsarbeiterlagern (Lager Ludwigsfeld und KZ-Außenlager Allach, dieses auch als Russenlager, der BMW gehörig, bezeichnet) verpachtet. Die Pachtverträge für den westlichen Teil des Geländes des KZ-Außenlagers datieren auf den 29.4.1942, die für die Erweiterung des Lagers, das OT-Lager Karlsfeld, auf den 3. Januar 1944.

Die Grundstückseigentümer hatten von der Reichsbahn nur 50 % des Kaufpreises erhalten und prozessierten nach dem Krieg mit der Bundesbahn als Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, also mit dem Staat, wegen der Restforderungen. Die BMW AG zahlte darüber hinaus bis nach dem Krieg Pacht für die für die Lager verwendeten Grundstücke.

Die Oberste Baubehörde /OBB/ erstellte mehrere Pläne für die Bebauung des für die Siedlung ausersehenen Geländes. Und auch die Zahl der ursprünglich geplanten Wohnungen variierte bis zu einer Anzahl von 1154. So war laut dem Bebauungsplan vom 28. März 1951 vorgesehen, das gesamte Gelände, auch südlich anschließend an die Karlsfelderstraße, mit Häusern zu bebauen. Das Projekt trug übrigens anfangs die Bezeichnung München-StEG-Lager und sollte zur Kostenersparnis, so weit wie möglich, in dreigeschoßiger Bauweise zur Ausführung kommen.

Der für Flüchtlingsfragen zuständige Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium Theodor  Oberländer informierte am 17. April 1951 Oberbürgermeister Thomas Wimmer über dieses Bauvorhaben für bisher in Kasernen und Barackenlagern untergebrachte DPs.

Theodor Oberländer

von 1951 bis 1053 Staatssekretär für Flüchtlingsfragen im Bayerischen Innenministerium 

 

OB Wimmer seinerseits unterrichtete am 18. April 1951 den Stadtrat der Landeshauptstadt München über sein Treffen mit Oberländer und empfahl unter der Voraussetzung, dass eine schriftliche Zusicherung des Finanzministeriums gegeben werden wird, dass der Stadtgemeinde München durch die Errichtung der Wohnungen keine Kosten entstehen werden, dem Bauvorhaben zuzustimmen, und teilte am 25. April diese Entscheidung Staatssekretär Oberländer mit.

OB Thomas Wimmer (2.v.l.) bei einer Veranstaltung von BMW in den frühen 50ern

 

In der Sitzung des Stadtrats von München am 18. April traten in der Diskussion noch immer gewisse Ressentiments gegen Ausländer zu Tage.

So antwortete OB Wimmer auf den Zuruf: "Und gehören die Wohnungen später uns?" mit den Worten: "Selbstverständlich, wenn die Herrschaften mal nicht mehr da sind". Worauf der Zuruf erfolgte: "Die bleiben schon da!" (Wir sind tatsächlich noch da, d. Verf.). OB Wimmer bezeichnete in dieser Debatte das KZ-Außenlager Allach fast schon beschönigend als Arbeitserziehungs- bzw. Züchtigungslager.

Der Bundesminister der Finanzen stimmte in seinem Schreiben vom 17. Mai 1951 an das Bayerische Staatsministerium der Finanzen den vorgelegten Bauunterlagen zur Errichtung von 2.870 Wohnungen für DPs und Flüchtlinge in Bayern zu. Laut diesen Unterlagen sollten auf dem für die Bebauung vorgesehenen, westlich der heutigen Smaragdstraße gelegenen Gelände des ehemaligen StEG-Lagers 532 Wohneinheiten entstehen, davon 292 im 1. Bauabschnitt und 240 im 2. Bauabschnitt. Der Bundesfinanzminister war außerdem einverstanden, dass das zur Bebauung vorgesehen Gelände des ehemaligen StEG-Lagers in München käuflich erworben wird und die zur Versorgung erforderlichen Ladengeschäfte im notwendigen Umfang errichtet werden.

Währenddessen wurde der Plan für die Bebauung des Geländes ständig überarbeitet, und am 7. Juni 1951 wurde von der OBB  ein Lageplan vorgelegt, der außer dem Bau der bereits früher geplanten und genehmigten 532 Wohnungen den Bau weiterer 158 Wohnungen vorsah, die ursprünglich in Augsburg-Haunstetten geplant waren, so dass jetzt 690 Wohneinheiten auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach entstehen sollten.

Am 18.7.1951 erschien ein Erlass des Bundesministers der Finanzen über die Zuweisung von Haushaltsmitteln für die Errichtung von Ersatzunterkünften für DPs und Ex-DPs. Der Kostenvoranschlag für den Bau der 690 Wohnungen in München betrug 8.645.000,- DM, davon 55.120,- DM für Kunst und Kunsthandwerk. Die erforderlichen Haushaltsmittel wurden dem Bayerischen Staatsministerium der Finanzen aus dem Bundeshaushalt, Einzelplan XXVII Kap. E 11 Titel 4, zugewiesen.

Das Bauvorhaben sollte möglichst schnell vorangetrieben werden, es gab jedoch Schwierigkeiten bezüglich des Grunderwerbs und auch mit der Stadt München, die Bedenken erhob und darauf hinwies, dass das Baugelände im landwirtschaftlichen Nutzungsgebiet läge und seine Aufschließung nicht ohne unwirtschaftliche Aufwendungen möglich sei.

Die 15 Grundbesitzer verlangten /wohl im Hinblick auf ihre früheren Erfahrungen/ die Hinterlegung des vollen Kaufpreises am Tag der Verbriefung und die Beschaffung einer verbindlichen Erklärung der Preisbehörde, dass diese mit dem vom Staat angebotenen Kaufpreis (1,50/qm) einverstanden sei.

Die städtischen Dienststellen äußerten Bedenken gegen die Errichtung der Siedlung, weil viele Fragen, wie die Be- und Entwässerung, die Schul- und Verkehrsfrage (Verdichtung des Omnibusverkehrs), die polizeiaufsichtlichen Fragen, die Hausunratabfuhr, zu klären seien.

Am 3.9.1951 erfolgte auf Anordnung der OBB und der Regierung von Oberbayern die öffentliche Ausschreibung für die Erd-, Maurer- und Betonarbeiten. Das Landbauamt München schloss gemäß der mündlichen Weisung der Obersten Baubehörde vom 30.8.1951 und der Regierung von Oberbayern vom 3.9.1951 in der 2. Septemberhälfte mit 19 freischaffenden Architekten Verträge zur Herstellung von Werkplänen für den Neubau der Siedlung in Ludwigsfeld ab. Gleichzeitig wurde Architekt Matthä Schmölz auf Wunsch der OBB mit der künstlerischen Oberleitung und der Koordinierung der beteiligten Architekten beauftragt.

Die Bezirksinspektion des 33. Stadtbezirks äußerte sich am 12.9.1951 durchaus zustimmend zum Bau einer Wohnanlage in Ludwigsfeld, weil das dafür vorgesehene Gelände, das im Wirtschaftsplan als landwirtschaftliches Nutzgebiet ausgewiesen war, infolge der zahlreichen im Boden liegenden Betonfundamente eines ehemaligen Lagers /KZ-Außenlager Allach/ zur landwirtschaftlichen Nutzung fast völlig wertlos war. Im Schreiben hieß es auch: "Eine Bebauung des Geländes kann nur erwünscht sein, wenn auch nicht gerade mit Häusern für DPs."

Auch in der nichtöffentlichen Sitzung des Stadtrats vom 25. September 1951 wurden wieder Vorbehalte laut gegen den Bau einer DP-Siedlung in München-Ludwigsfeld. So sagte Stadtrat Blieninger, der in Feldmoching wohnte, u. a.: "Wer in den durch solche Siedlungen betroffenen Gebieten wohnt, wer die Bürgerversammlungen in diesen Bezirken besucht und sich anhört, wie die Polizei sehr oft zum Eingreifen gegen Leute dieser Art, wie wir sie jetzt wieder unterbringen sollen, veranlasst ist, der wird die Reaktion der Bevölkerung auf einen solchen Plan durchaus verstehen können."

Und weiter: "Ich glaube, dass die Münchner Bevölkerung sehr sauer auf das Entstehen dieser DP-Siedlung reagieren wird, einer Siedlung für diese sogenannten Verschleppten, die ewig Verschlepptsein spielen wollen. Niemand ist es nämlich erklärlich, warum diese Verschleppten nicht mehr in ihre Heimat zurück wollen." Und:

"Mit Aufnahme dieser Leute schaffen wir in München keine guten Verhältnisse."

Stadtrat Blieninger erhielt für seine Ausführungen die Zustimmung der Bayernpartei und der KPD. Auf den Einwand von Stadtrat Fischer, dass gebaut werden müsse, weil die Versorgung der aus den von der Besatzungsmacht beanspruchten Kasernen Auszuquartierenden aus dem vorhandenen Wohnraum nicht möglich sei, fragte Stadtrat Lallinger /Bayernpartei/: "Warum müssen denn alle die Leute nach München her?" Anschließend wurde der Referentenantrag von Stadtrat Fischer, der Forderungen der Stadt München hinsichtlich des Baus der (neuen) Wohnsiedlung Ludwigsfeld enthielt, gegen 4 Stimmen der KPD angenommen.

Am 11. und 17.10.1951 wurden nach langwierigen Verhandlungen die Kaufverträge, nachdem das Bundesfinanzministerium ihnen zugestimmt hatte, von Anton Mayer, Leiter der Administration Dachau, Oberfinanzdirektion, Zweigstelle München, mit den Grundbesitzern abgeschlossen. Der Kaufpreis für die Grundstücke betrug 353.445 DM  für 23,56 ha, die Kosten des Grunderwerbs insgesamt 371.950 DM.

Nachdem die Grundstücke erworben waren, fehlte nur noch die endgültige Zustimmung der Stadt München bzw. der Lokalbaukommission. Und so kam es am 29.10.1951 zu einer Besprechung im Bayerischen Finanzministerium, bei der den Vertretern der Stadt ernsthaft ins Gewissen geredet wurde, die Bedenken zurückzustellen.

Am 2. November 1951 stimmte der Bundesfinanzminister dem überarbeiteten Lageplan vom 7. Juni 1951, der Verlegung der Kläranlage an den Zusammenfluss von Schwabenbach und Würmkanal und der Bereitstellung von Finanzmitteln für den Erwerb der dafür notwendigen Grundstücke zu. Da die Lokalbaukommission aber immer noch wichtige siedlungspolitische Forderungen wie die Sicherstellung von Schulraum nicht erfüllt sah, stellte sie auch noch bei ihrer Sitzung am 19.12.1951 Bedingungen für den Bau der Siedlung, obwohl der Stadtrat dem Bau bereits zugestimmt hatte und auch die LBK ihrerseits die Wohnanlage genehmigt hatte.

Der Staat hatte aber das Recht, seine Baupläne nur zur baupolizeilichen Erinnerungsabgabe an die LBK zu schicken und dann zu bauen. Und er tat dies auch Anfang Januar 1952, und so genehmigte die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern mit ihrer Entschließung Nr. IV C 4 9204/IX vom 7.1.1952 die Baumaßnahme "Räumung von Kasernen für US-Truppen; hier: Ersatzwohnungsbauten für DPs in München-Ludwigsfeld", und die 15 Baufirmen, die bei der Ausschreibung den Zuschlag erhalten hatten, konnten mit den Arbeiten beginnen.

Zum verantwortlichen Bauleiter der Siedlung Ludwigsfeld wurde Architekt Hans Wrba vom Landbauamt München berufen, das im Weg der sog. Organleihe für die Bauausführung verantwortlich war und einen monatlichen Rechenschaftsbericht an das Besatzungskostenamt erstellen musste. Zur Einhaltung der Termine waren in die Verträge mit den Unternehmen Konventionalstrafen aufzunehmen. Die OBB hatte bereits den Bebauungsplan einschließlich der Typenpläne erstellt.

Die eigentlichen Bauarbeiten konnten jedoch nicht sofort beginnen, es mussten erst einige Vorarbeiten geleistet werden. Bauleiter Wrba beschreibt nämlich /am 9.12.1952/ das Baugelände wie folgt:

"Das Baugelände wurde 1942 mit Baracken, Luftschutzbunkern, Splittergräben usw. für KZ-Bewachungsmannschaften bebaut. Z. Zt. des Grundstücksankaufs durch die Bundesrepublik Deutschland lagerten auf dem Gelände große Massen gesprengte, z. T. schwerstarmierte Stahlbetonbunkerteile. An der Nord-Ost-Ecke (jetzt bei Block 8 und 9 /Achatstraße bzw. Onyxplatz/) befanden sich zwei Luftschutzbunker mit rund 3000 cbm Inhalt. Auf dem gesamten Gelände waren Betonfundamente und Betonplatten abzubrechen, auf denen früher Baracken standen. An der Südseite der Siedlung befanden sich Luftschutzsplittergräben, sowie zwei Feuerlöschteiche, die vor Baubeginn eingeebnet werden mussten."

Laut dem Bericht des "Münchner Merkur" vom 19./20.1.52 wurden 2 große Betonbunker mit 8000 Sprengstoffladungen beseitigt. Die Trümmer der Bunker wurden zur Auffüllung einer Abfallgrube /gemeint ist wohl die Kiesgrube des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach, darüber befindet sich jetzt der Fußballplatz des TSV Ludwigsfeld/ verwendet.

Außerdem war eine Bodenauffüllung erforderlich, da die Gebäude wegen des hohen Grundwasserstandes nicht tiefer fundiert werden konnten, zum anderen weil wegen der von der Stadt München vorgeschriebenen Straßenprofile und –höhen eine Angliederung an die Eingänge der Bauten erzielt werden musste.

Für die Erschließung (Abbrechen von rd. 6500 cbm Beton und Stahlbeton u. a.) wurden 225.000 DM veranschlagt.

Als Beginn der Baureifmachung und der Baustelleneinrichtung wurde der 14. Januar 1952 festgesetzt, als erster Tag des eigentlichen Baus der 21. Januar 1952 /laut einem Bericht des Münchner Wochenblatts vom 29. August 1952 "wurde am 11. Januar 1952 mit dem Bau der Großsiedlung begonnen"/. Wegen eines plötzlichen Frosteinbruchs konnte bis zum 1. Februar aber nur an 3 Tagen gearbeitet werden. Am 29.1.1952 wurde der Kaufvertrag über das im Eigentum der Fa. Diamalt stehende Grundstück Pl. Nr. 3718 b beurkundet.

 

Foto :  Nagelschneider / Repnikov

Danach entwickelten sich aber die Bauarbeiten mit wenigen Abweichungen trotz der länger andauernden Fostperiode entsprechend dem Zeitplan.

Im April 1952 konnte Richtfest für die "Neue Wohnsiedlung München-Ludwigsfeld" gefeiert werden, die in der Presse als größtes Wohnbauvorhaben Bayerns bezeichnet wurde. Der Name der neuen Siedlung, der später kaum verwendet wurde, war als Unterscheidung zur "Wohnsiedlung Ludwigsfeld" gewählt worden, die im ehemaligen der BMW gehörigen Lager Ludwigsfeld, München 68, in zwei Bauabschnitten 1948 und 1949 für deutsche und ausländische Flüchtlinge und Angehörige des BMW-Werks Allach eingerichtet worden war /das Lager war bereits ab 1940 für die Unterbringung von Fremd- und Zwangsarbeitern errichtet worden/. Die "Neue Wohnsiedlung München-Ludwigsfeld" war übrigens die erste geschlossene Siedlung, die in München nach dem 2. Weltkrieg erbaut wurde.

Im Mai 1952 waren alle Gebäude mit Ausnahme zweier Blöcke /8 und 9/ eingedeckt und die Ausbauarbeiten zu etwa 50 % durchgeführt. In der Zeit vom 16.7.1952 bis 15.11.1952 wurde die Herstellung der Straßen in der Wohnsiedlung München-Ludwigsfeld ausgeführt. Die Kosten für diese Arbeiten betrugen 515.303,17 DM. Die Übergabe der Straßen erfolgte am 3. Dezember 1952.

Natürlich wurde auch an den Kanälen und Versorgungsleitungen gebaut, und auch der Bau der Kläranlage, für die die Grundstücke Nr. 3697-3700 mit einer Fläche von 15.314 qm zum Gesamtpreis von 22.971 DM im Februar 1952 erworben worden waren, war entsprechend dem Entwurf der Fa. Saalfeld & Dorfmüller vom Juli 1952 in Angriff genommen worden. Die mechanisch-biologische Kläranlage wurde mit einem Kostenaufwand von 299.000 DM erstellt, im Oktober 1952 fertiggestellt und am 14.4.1953 zusammen mit der Kanalisation übergeben.

Die Frischwasserzuleitung der Siedlung erfolgte durch die Stadtwerke München. Für die Gasversorgung musste ein Gasreglerhaus in Anlehnung an das Garagengebäude des Auswandererlagers, das im Frühjahr 1952 gebaut worden war, errichtet werden. Für die Stromversorgung waren die Isarwerke zuständig, denen die Trafostation überlassen wurde, die, laut dem Landbauamt München, in ihrer Lage und Gestaltung seinerzeit durch das Deutsche Reich anlässlich der Errichtung eines Ausländerarbeitslagers /KZ-Außenlager Allach/ im Jahre 1942 erstellt worden war.

Im Juli 1952 wurden die Arbeiten für das Ladengebäude mit 8 Ladengeschäften und 6 Wohnungen in Auftrag gegeben, ihr Bau auf Anweisung der OBB im September begonnen. Mit der Errichtung des Ladengebäudes wurde die Münchner Firma Heinrich Nagelschneider beauftragt. Bereits im August 1952 war über die Vergabe der Ladengeschäfte entschieden worden, die u. a. an Ehm, Hiller, Freund, Kirchhoff, Schwarzer gingen, aber erst im Sommer 1953 fertiggestellt und am 20.7.1953 übergeben wurden.

Foto : Nagelschneider/Repnikov

 

Am 10. November 1952 wurden 684 Ersatzwohnungen für DPs in München-Ludwigsfeld bezugsfertig und am 17.11. an die OFD München – Bundesvermögens- und Bauabteilung übergeben. Der Bezug der Wohnungen verzögerte sich aber, weil es Proteste gegen die Belegung nur durch "auswärtige" DPs gab. Aus diesem Anlass gab es im Oktober 1952 sogar eine Fragestunde im deutschen Bundestag und einen Belegungsstop, bis nicht die Frage geklärt war.

Für die Belegung zuständig waren das Zuzugsamt der Regierung von Oberbayern und das Landeszuzugsamt. Bereits im Frühsommer 1952 hatte die Auswahl der für die Umsiedlung in die neue Wohnsiedlung Ludwigsfeld in Frage kommenden heimatlosen Ausländer begonnen, die bestimmten Kriterien entsprechen mussten.

Der Bayerische Ministerrat beschloss, nach einer Intervention des BMW-Betriebsrats, am 11.10.1952, 137 Wohnungen von den im Gelände München-Ludwigsfeld für DPs errichteten 690 Wohnungen an deutsche Bewohner des BMW-Werkslagers München-Allach und der Flüchtlingssiedlung München-Ludwigsfeld, München 68, zur Einweisung freizugeben.

Nach einigen Verhandlungen erklärte der Bundesfinanzminister sein Einverständnis, dass unter bestimmten Bedingungen auch Familien aus den oben genannten Lagern an der Dachauerstraße in der neuen Siedlung untergebracht werden. Und so wurden 137 Wohnungen, davon 114 in drei Blöcken entlang des Kristallstraße, vorwiegend mit Familien von BMW-Betriebsangehörigen belegt.

Die 63 deutschen Familien aus dem Regierungslager Ludwigsfeld waren übrigens von vornherein für den Einzug in die Siedlung Ludwigsfeld vorgesehen gewesen. Von ihnen zogen 58 Familien in die Siedlung um. In ihre Baracken zogen Umsiedler aus dem Lager Schleißheim, vor allem kalmückische Familien, die dem schriftlich zugestimmt und so auf einen Umzug in die Siedlung Ludwigsfeld verzichtet hatten.

Nach der Aufhebung des Belegungsstops wurden die Wohnungen vom 18.12.1952 bis zum 15.3.1953 mit 2.908 Personen, davon 1.988 Erwachsene und 920 Kinder, belegt. 1.298 von ihnen stammten aus dem Lager Schleißheim, 727 aus dem Lager Feldafing, die übrigen kamen aus dem Regierungslager Ludwigsfeld, München 54, bzw. aus der alten Wohnsiedlung Ludwigsfeld an der Dachauerstraße, München 68.

Und so zogen in 486 Wohnungen 2.142 Ausländer, in 195 Wohnungen deutsche Familien ein. 3 Wohnungen waren für andere Zwecke, wie z. B. für die Polizeistation und die Siedlungsverwaltung, bestimmt. Die 6 Wohnungen über den Ladengeschäften wurden, wie auch die Ladengeschäfte selbst, im Sommer 1953 bezogen.

 

Bereits als die Siedlung bezogen war, wurde noch am Ladentrakt und an den Außenlagen, einschließlich der Spielplätze, gearbeitet, die am 26.8.1953 übergeben wurden. Die künstlerische Gestaltung der Siedlung – die Stele von Elmar Dietz, die Erkerbemalung von Max Lacher, der Bronzeesel von Prof. Josef Henselmann – erfolgte erst 1954.

2.000 Beschäftigte von 70 Firmen hatten am Bau der Siedlung gearbeitet und mit Bundesmitteln in Höhe von DM 10.200.000  690 2-4-Raumwohnungen in 35 Blöcken bzw. 113 Hauseinheiten erstellt. Von den 113 Hauseinheiten wurden 32 Hauseinheiten in Hebelbauweise, 3 Hauseinheiten in Ueckerbauweise, 77 Hauseinheiten in Ziegelsplitt-Hohlblockbauweise und der Ladentrakt in Ziegelbauweise errichtet und nicht aus Bombenschutt, wie es sogar noch in manch jüngerer Publikation hieß. Die endgültigen Baukosten kamen übrigens deswegen zustande, weil gegenüber dem Juli 1951 Lohnerhöhungen von 5,5 % und Materialpreissteigerungen von 11 % eingetreten waren.

21 Hauseinheiten sowie der Ladentrakt am Onyxplatz 5 wurden nur mit Erdgeschoß und 1 Obergeschoß ausgeführt, alle übrigen mit Erdgeschoß und 2 Obergeschoßen. In der Siedlung Ludwigsfeld entstanden 360 2-Raumwohnungen, 224 3-Raumwohnungen und 106 4-Raumwohnungen mit insgesamt 34.100 qm Wohnfläche, die entsprechend den Vorgaben des Bundesfinanzministeriums mit durchschnittlich 4,4 Personen belegt wurden, wobei in manch größere Wohnung auch zwei Familien einzogen.

Einige Wohnungen wurden allerdings mit der Genehmigung des Bundesfinanzministeriums auch für andere Zwecke genutzt. So bezog das "30.Polizeirevier-Ludwigsfeld" /zusammen mit der Meldestelle 30 Ludwigsfeld/ im September 1952 im Haus Onyxplatz 2 zwei Wohnungen, die Verwaltung der Siedlung im Haus Onyxplatz 1 eine Wohnung. Auch Ärzte, u. a. Dr. med. E. Höhne, erhielten Praxisräume in der Siedlung, damit die medizinische Versorgung der Bewohner der Siedlung sichergestellt war.

Und noch einmal: Die Siedlung Ludwigsfeld wurde nicht mit amerikanischen Marshallplan-Geldern, sondern mit Mitteln aus dem Bundeshaushalt gebaut. Denn bei der Besprechung des Interministeriellen Ausschusses für Fragen der Kasernenräumung in Bonn am 14.2.1951 war festgestellt worden: "Es ist günstiger, vollwertige Wohnungen statt Kasernenwohnungen zu bauen. Das Bundeskabinett verspricht sich bei dieser Lösung eine große Ersparnis von Ländereien und Baukosten, da die Besatzungsmacht zu aufwendig baut. Die Baumaßnahmen sollen ausschließlich von deutschen Dienststellen durchgeführt werden."

Im Juli 1953 tauchten übrigens Überlegungen auf, weitere 180 Wohnungen für 620 Personen, vorwiegend Deutsche, zu bauen, die ein Lager in Dachau räumen mussten. Das Stadtbauamt München sprach sich aber sofort dagegen aus, weil der einzige Vorteil der Ludwigsfelder Siedlung - die großen Freiflächen - durch Verbauen zunichte gemacht würde. Die LBK wandte sich ebenfalls gegen die weitere Verdichtung. Auch die Stadtentwässerung warnte wegen der schlechten Klärwirkung der vorhandenen Kläranlage vor einer Vergrößerung der Siedlung.

 

/Quellen: Bayer. HStA Marb Laflüver 960, 976, 978/I, 978/II,

                                    MF      79520, 79521, 79522, 79585, 79880 (viele Pläne)

                Staatsarchiv München LBÄ 3115, 3116, 3117, 3118,

                                                     OFD 60, Polizeidirektion München 10902

                Stadtarchiv München   Baureferat-Wohnungswesen, Abgabe 78/1,

                                                     VL 275/I + II,

                                  Baureferat-Tiefbau, Abgabeverz. 64/10/

 

 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

 

50 Jahre Grundsteinlegung der russischen orthodoxen Kirche

zu Ehren des Erzengels Michael in Ludwigsfeld

von Ewgenij Repnikov M.A.

 

Am 16. Juni 2013 jährt sich zum 50. Mal die Grundsteinlegung der russischen orthodoxen Kirche an der Achatstr. 14. Die Grundsteinlegung wurde vollzogen von Erzbischof Alexander (Lovtschij). Ihm konzelebrierten Archimandrit Ioann (Peterfalvy), Protopresbyter Vasilij Vinogradov und Erzpriester Sergij Matwejew.

Der Bau der neuen Kirche der russisch-orthodoxen Gemeinde war notwendig geworden, weil der neue Besitzer des Grundstücks an der Karlsfelder Straße (im Pachtvertrag vom 1.11.1953 als äußere Dachauer Straße bezeichnet) im ehemaligen Lager Ludwigsfeld die Freimachung des Grundstücks forderte.

Dieses Grundstück war 1953 von der "Stiftung zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts" unter falschen Voraussetzungen an die russisch-orthodoxe Gemeinde verpachtet worden. Die Grundsteinlegung für die alte, die Holzkirche, die aus dem Lager Schleißheim hierher verlegt worden war, erfolgte am 14. Juni 1953 ebenfalls durch Erzbischof Alexander.

Als der neue Besitzer 1959 die Räumung des Grundstücks an der Karlsfelder Straße verlangte, wurde ein anderes Grundstück für den Bau einer neuen, jetzt steinernen Kirche gesucht. Und dieses Grundstück wurde – nachdem die Stadt München abgelehnt hatte, bei der Suche zu helfen – schließlich vom Bund an der Ecke Karlsfelder-/Achatstraße, gleich anschließend an die Siedlung Ludwigsfeld, in Erbpacht zur Verfügung gestellt.

Und so erhebt sich seit 1963 an dieser Stelle, wo ehedem die Entlausungsbaracke des KZ-Außenlagers Allach stand und sich von 1945 bis 1948 ein Massengrab befand, die russische orthodoxe Kirche zu Ehren des Erzengels Michael, die seit 2006 unter Denkmalschutz steht.

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Russische Kriegsgefangene des 1. Weltkriegs

als Zwangsarbeiter in Ludwigsfeld

 

von Ewgenij Repnikov M.A.

 

Sollte man meinen, dass Zwangsarbeit ein Phänomen des 2. Weltkriegs war, so täuscht man sich. Auch im 1. Weltkrieg wurden zivile Fremdarbeiter und Kriegsgefangene als Ersatz für die fehlenden deutschen Arbeitskräfte in der Industrie, in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch in Handwerksbetrieben eingesetzt. Und dies wird häufig als Probelauf für die Organisation der Zwangsarbeit im 2. Weltkrieg angesehen.

                                                                                                                     Foto / Privatarchiv Repnikov

(Die verstorbenen Kriegsgefangenen wurden von ihren Kameraden, wenn auch unter Bewachung, so doch mit allen Ehren zur letzten Ruhe geleitet.)

 

Die für die jeweiligen Arbeiten benötigten Kriegsgefangenen wurden vom Arbeitgeber mit einem Antrag auf Gestellung von Kriegsgefangenen über das königliche Bezirksamt angefordert. So stellte die Gemeinde Ludwigsfeld am 28. Juni den Antrag, dass ab Mitte Juli 1916 fünf Mann für die Getreideernte abgestellt werden. Die Unterbringung erfolgte in Ludwigsfeld, Haus Nr. 12, die Beköstigung übernahm der Arbeitgeber, also die Gemeinde Ludwigsfeld.

Die Gemeinden, die Kriegsgefangene beschäftigten, erhielten einen Verpflegungszuschuss, der pro Mann und Tag 60 Pfennig betrug. Als Nachweis für die erfolgte Verpflegung musste ein entsprechendes Formular ausgefüllt werden, das u. a. den Namen und den Wohnort des Arbeitgebers, die Bezeichnung des abgebenden Gefangenenlagers, die Gesamtzahl der Kriegsgefangenen und Wachmannschaften und die Gesamtzahl der Verpflegungstage enthielt.

Aus erhalten gebliebenen Formularen ersieht man, dass in Ludwigsfeld vom 16. September bis 15. Oktober 1916 10 Kriegsgefangene aus dem Lager Puchheim im Einsatz waren, davon 6 im Gutshof und Gestüt Dr. Wolff, 2 in der Gärtnerei Bentele, und vom 16. Oktober bis 15.November 1916 insgesamt 20 Kriegsgefangene, davon 16 bei Dr. Wolff, 2 in der Gärtnerei Bentele.

Die russischen Kriegsgefangenen erhielten in der Landwirtschaft 30 - 50 Pfennig pro Arbeitstag je nach der Schwere der Arbeit. Die richtige Entlohnung musste vom Wachmann bestätigt werden. Die Entlohnung der Gefangenen erfolgte aber nicht in Bargeld, sondern in Gutscheinen (Lagergeld bzw. Scheckmarken). Das gesamte Rechnungswesen wurde von der Kassenverwaltung des Kriegsgefangenenlagers Puchheim besorgt.

                                                                                         Foto / Privatarchiv Repnikov

 

Bereits im März 1916 wurden der Gemeinde Ludwigsfeld 5 Kriegsgefangene und 1 Wachmann aus dem Gefangenen-Arbeitslager Haspelmoor, Nebenlager des Kriegsgefangenenlagers Puchheim, für die Frühjahrsbestellung zugewiesen. In dem dieser Abstellung vorausgehenden Schreiben des königlichen Bezirksamts München an die Gemeindebehörde in Ludwigsfeld wird darauf hingewiesen, dass die Gefangenen für die ganze Gemeinde bestimmt seien und dass die gleichmäßige und gerechte Verteilung Sache der Gemeindebehörde sei.

Außerdem musste die Gemeinde, wenn kein militärischer Wachmann vorhanden war, für die Beaufsichtigung der in der Landwirtschaft tätigen Kriegsgefangenen sorgen, indem der Hofbesitzer, dem einer oder mehrere Gefangene zugewiesen worden waren, mit der Aufsicht beauftragt wurde, oder ein ziviler Ersatzwachmann gestellt wurde.

                                                                                                            Foto / Privatarchiv Repnikov

Die Zahl der an die Gemeinden abgestellten Gefangenen variierte. So lautete Punkt 3 des Lagerbefehls vom 14.4.1916: Arbeitskommando Ludwigsfeld:

Kommando Ludwigsfeld, Bezirksamt München, (abgestellt von Haspelmoor) ist vom IV. Gefangenenbataillon um 2 russische Gärtner zu erhöhen. Dieselben sind für Gärtnereibesitzer Bentele in Ludwigsfeld bestimmt. Taglohnsatz 3.- M (/Nr. der Verfügung/ 6866/7529). Den Transportmann stellt das IV. Bewachungsbataillon.

Das Kriegsgefangenenlager Puchheim war ein großes Lager – November 1918: 24.764 Gefangene, davon 14.072 Russen und 10.692 Franzosen – mit vielen Arbeitslagern, Arbeitsdepots und Arbeitskommandos, zu denen auch das Kommando Ludwigsfeld gehörte.

Dokumentiert sind drei Namen von russischen Kriegsgefangenen, die im Kommando Ludwigsfeld des Kriegsgefangenenlagers Puchheim arbeiteten:

Jakow Lebedew, Wassilij Lisizin und Michail Lunew.

 

                    

 

Gefangene, die sich unerlaubt von ihren Arbeitskommandos entfernten /oder auch zu fliehen versuchten/, wurden mit mehreren Tagen strengen Arrests bestraft. Trotz allem waren die Zustände in den Kriegsgefangenenlagern des 1. Weltkriegs humaner als im 2. Weltkrieg. In den Lagern wurden Gottesdienste für die einzelnen Religionsgemeinschaften, u. a. auch für die Orthodoxen, die Juden und die Muslime, abgehalten. Die Gottesdienste für die orthodoxen Russen im Lager Puchheim hielt der Oberpriester Rajewitsch, und für die Betreuung der Juden war der Rabbiner Dr. Werner zuständig.

Und es gab sogar Theaterräume. Davon zeugen Programme der "Dramatischen Vereinigung der russischen Kriegsgefangenen des Lagers Lechfeld" und der "Musikalischen Vereinigung der russischen Kriegsgefangenen des Lagers Lechfeld". Außerdem wurden sog. Liebesgaben verteilt.

      

/Quellen: Bestand Ludwigsfeld Nr. 17, Stadtarchiv München,

Kriegsgefangenenlager Puchheim, Bde. 28 und 29,

Kriegsgefangenenlager Lechfeld, Bd. 22, Akt 11,

Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv/

 

 

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

KZ-Friedhof Karlsfeld

(oder auch: Massengrab München-Karlsfeld bzw. Sammelgrab im ehemaligen KZ-Außenlager Allach)

 

Recherchiert und verfasst von Ewgenij Repnikov M.A.

Am 5. Januar 1950 besuchte Captain Bonnenfant von der französischen Gräberregistrierungskommission mit Mitarbeitern des städtischen Bestattungsamts das StEG-Lager an der äußeren Dachauerstraße /KZ-Außenlager Allach bzw. OT-Arbeitslager Karlsfeld/, um nach einem Sammelgrab, in dem nach Angaben ehemaliger Lagerinsassen im Mai 1945 französische Staatsangehörige beigesetzt worden waren, zu forschen.

 

 Plan der Grabanlagen nach Angaben ehemaliger Lagerinsassen

Die eigentlichen Grabungsarbeiten verzögerten sich aber und fanden erst im August 1950 statt. Mitarbeiter des städtischen Bestattungsamts legten im Beisein einer Untersuchungskommission, der Vertreter verschiedener deutscher Behörden und des US-Landeskommissars für Bayern angehörten, am 10. August 1950 die Fundstelle frei, an der am 2. August bereits ein Skelett entdeckt worden war.

Bei den Grabungen wurde entdeckt, dass sich an der Fundstelle im Nordosten des KZ-Außenlagers Allach bzw. OT-Arbeitslagers Karlsfeld /daher der Name KZ-Friedhof Karlsfeld/ mehrere Gräber mit vielen Skeletten befanden. Bei der Untersuchung der Skelette wurde anhand der gefundenen Schuhe und Kleidungsreste festgestellt, dass es sich um ehemalige KZ-Insassen handeln musste.

 

Freilegung und Kennzeichnung der Einzel - und Sammelgräber

 

Während der Untersuchungen wurde der ehemalige deutsche Kriegsgefangene Horst Hilbert einvernommen. Er war im Oktober 1945, aus Italien kommend, als Kriegsgefangener in das ehemalige OT-Lager Karlsfeld eingewiesen worden und in der letzten Baracke, in unmittelbarer Nähe der Fundstelle untergebracht.

Laut seiner Aussage befand sich auf dem neben und hinter der Baracke liegenden Freigelände innerhalb des Lagers ein Friedhof mit ca. 40-50 Gräbern. Nach den Inschriften auf den einzelnen Holzkreuzen habe es sich nur um jüdische Gräber handeln können.

Es handelte sich aber aller Wahrscheinlichkeit nicht nur um jüdische Gräber. Dies widerspricht auch den Aussagen ehemaliger Lagerinsassen (s. o.). Wer konkret und zu welcher Zeit in diesen Gräbern bestattet wurde, konnte aber im Laufe der Nachforschungen nicht festgestellt werden.

Laut Hilbert waren die Gräber noch 1945 planiert und die darauf befindlichen Holzkreuze verbrannt worden. Diese Gräber sind wohl bei den Grabungen im August 1950 wiederentdeckt worden. Die Skelette wurden, teilweise in Särgen gebettet, wieder in die Gräber zurückgelegt, und das Gelände auf Anordnung des damals zuständigen Bayerischen Landesentschädigungsamts gesperrt.

Das städtische Bestattungsamt führte im gesamten Monat August 1950 Arbeiten zur Auffindung, Freilegung und Kennzeichnung der Grabstätten durch und stellte 20 Särge und 73 Gebeinkisten für die Bestattung der Skelette zur Verfügung.

Ab Dezember 1950 wurde der KZ-Friedhof (oder: Behelfsfriedhof) Karlsfeld hergestellt und gestaltet. Die erste, aus Regensburg stammende, Firma führte jedoch die Arbeiten sehr nachlässig durch, so dass eine Münchner Firma den Friedhof im September 1951 würdevoll gestalten musste

Die Anlage war von einem Holzzaun umgeben und bestand aus zwei Gräberfeldern im Ausmaß 10x4 m und einem Grabfeld im Ausmaß 3x3 m mit guter Rasendecke und je einem Blumenbeet. In der Mitte befand sich ein kleines Holzkreuz, und um die Gräberfelder führten saubere Kieswege. Die Gesamtgröße der Anlage betrug 360 qm.

Mit Holzzaun umgebene Grabanlage

 

Die Lage des KZ-Friedhofs wurde 1955 offiziell folgendermaßen beschrieben:

Das KZ-Massengrab liegt auf dem Fl. St. Nr. 3686 der Gemeinde Feldmoching, südlich der Granatstraße, östlich der Topasstraße an der Ostgrenze des Fl. St. Nr. 3686. Kartenblatt: NW IV. 3 (1:5000).

Nach Kataster gehört das Fl. St. Nr. 3686 der Bundesrepublik Deutschland – Oberfinanzdirektion München, Bundesvermögens- und Bauabteilung. Im Grundbuch eingetragen: Bd. 132 Bl. 4049 S. 241 Feldmoching, Fl. St. Nr. 3686, Schlechtfeld /dies war der alte Flurname der Gegend, in der 1942 das KZ-Außenlager Allach und 1952 die Siedlung Ludwigsfeld errichtet wurden/, Grünland zu 23,0383 ha.

Plan der Gartenanlagen / Gestaltung des ehemaligen KZ - Friedhofes

Im August 1952 übernahm die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen die Verwaltung der KZ-Friedhöfe und achtete penibel darauf, dass der Friedhof gut gepflegt wurde. Denn der "schlichte Behelf" wurde laufend von in- und ausländischen Pilgern, vor allem von Franzosen, aufgesucht, die dort auch Feiern abhielten. Diese Pilgerfahrten wurden übrigens von der französischen Regierung finanziert.

Vom 22.6. bis 1.7.1955 wurden mit Genehmigung des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen von der Generaldelegation des französischen Ministeriums für Kriegsopfer 111 Gebeine aus der KZ-Gräberanlage auf dem "städtischen Friedhof München-Karlsfeld" exhumiert. Sie erhielten die Nummern 208-318. Die Nummern 1-207 waren den Leichen zugeteilt worden, die aus dem KZ-Friedhof Feldmoching vom 26.4. bis 5.5.1955 exhumiert worden waren.

Alle Leichen wurden vom Gerichtsarzt der französischen Mission in einem zur Verfügung gestellten Raum des Krematoriums des ehemaligen KZs Dachau

untersucht und anschließend auf dem KZ-Ehrenfriedhof Dachau-Leitenberg auf Feld A, Reihe 4a bis 5b, unter Grab Nr. 208 bis 318 endgültig wiederbestattet.

Der KZ-Friedhof Karlsfeld wurde aufgelassen und ausplaniert. Wo er sich 1945-1955 befand, ist jetzt die Südostecke des Fußballplatzes des TSV Ludwigsfeld.

Bereits 1948 war ein Gemeinschaftsgrab auf dem Gelände des KZ-Außenlagers Allach, in unmittelbarer Nähe der Entlausungsbaracke, entdeckt worden. Auf Hinweise von Augenzeugen hin wurden am 9.11.1948 75 Skelette exhumiert und am 11.11.1948 auf dem Waldfriedhof in Dachau neu beigesetzt. Die Verstorbenen waren Opfer einer Typhusepidemie am Ende des Kriegs.

Ihre Leichen waren zuerst zu einem Leichenberg aufgehäuft worden (die französische Bezeichnung "charnier" findet sich auf einem handgezeichneten Plan) und am 9. Mai 1945 in dem 4 m langen, 2,5 m breiten und 2 m tiefen Massengrab in der Nähe der Entlausungsbaracke im Beisein eines französischen Geistlichen beerdigt worden.

Bei den Toten handelte es sich um Franzosen und andere Ausländer. Einer der Toten war der Franzose Libertaire Rutigliano, geb. am 19. Dezember 1921 in Kairo/Ägypten, begraben am 9. Mai 1945 im Lager Allach in einem Massengrab. Seine Gefangenennummer lautete 72926.

 

Quellen: Akt 85 der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung,

Bürgermeister und Rat 2534, Stadtarchiv München/

 

 

 

 

 

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

  

  Regierungslager Ludwigsfeld und Bundesauswandererlager  München-Karlsfeld

Recherchiert und verfasst

von

Ewgenij Repnikov M.A.

 

Im November 1950 mussten deutsche Flüchtlinge und Heimatvertriebene ihre bisherigen Unterkünfte in der Will-Kaserne in München-Freimann räumen, weil dort US-Soldaten untergebracht werden sollten. Diese sog. Kasernenverdrängten – 68 Familien mit 228 Personen – wurden vom 8.11.-23.12.1950 in das StEG-Lager Ludwigsfeld eingewiesen.

Die StEG (Staatliche Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut m.b.H.) hatte die Baracken im September 1948 von den Amerikanern übernommen, die dort ein Materialdepot (als Depot Karlsfeld oder auch Schwabenbachlager bezeichnet) eingerichtet hatten. Die Baracken 1-4 (es handelte sich um die Baracken gleich östlich der heutigen Smaragdstraße) waren im Eilverfahren um- und ausgebaut worden. Dieses Lager erhielt die Bezeichnung Regierungslager Ludwigsfeld, München 54, und nahm die deutschen Kasernenverdrängten auf. Später kam die Baracke 5 dazu, in die Kasernenverdrängte aus der Warner-Kaserne einzogen.

 

Im Eilverfahren um- und ausgebaute Baracken

             Copyright: BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.               Copyright : BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.          

Die übrigen noch bestehenden Baracken des ehemaligen KZ-Außenlagerkomplexes Allach wurden fast gleichzeitig einer anderen Bestimmung übergeben. Durch das amerikanische DP-Einwanderungsgesetz in der Fassung vom 16.6.1950 war auch die Einwanderung von 54.744 Volksdeutschen in die USA vorgesehen. Aus diesem Grund entstanden in Deutschland auf Verlangen der Amerikaner drei Bundesauswandererlager.

Eines davon wurde in den Baracken 6-17 des ehemaligen StEG-Lagers eingerichtet. Ministerialrat Seemeier teilte in seinem Brief vom 12.1.1951 an die US-DP-Commission in der Münchner Funkkaserne, die das Auswandererauswahlverfahren durchführte, mit: "Das Lager wird die Bezeichnung "Bundesauswandererlager München-Karlsfeld" führen."

Obwohl die für die Auswanderer vorgesehenen Baracken noch nicht oder nur notdürftig ausgebaut und eingerichtet waren, begann im Januar 1951 der Auswandererbetrieb in diesem Lager.

 

 

Lagerbaracken während der Sanierung 1950/51

  Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.            Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.

 Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.

 

      

Parallel zum Ausbau der Wohnbaracken und zum Bau von Holzschuppen, sog. Holzlegen, zwischen den Baracken begann auch die Errichtung des Speisesaals des Auswandererlagers.

Dieses Gebäude wurde an der Nordseite der Baracke 7 errichtet. In der Baracke 7 wurde, neben einem Duschraum und einer Waschküche, die Küche nebst Gemüseputzraum eingerichtet, die die Auswanderer mit den Speisen versorgte, die diese im Speisesaal zu sich nahmen. Die Wohnbaracken hatten nämlich keine eigenen Küchen, und für die Verpflegung und Unterbringung war der bayerische Staat zuständig.

       

Speisesaal / Lagerkantine im Bau 1951

         

          Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.           

Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.

Die Wohnräume waren, bis auf Ausnahmen, vornehmlich mit Stockbetten, einem Schrank, einem Tisch und Stühlen ausgestattet und mit durchschnittlich 4 Personen belegt. Ab April 1951 standen 249 Wohnräume zur Verfügung. Einzelne Baracken hatten auch noch andere Funktionen. So war in der Baracke 9 die Verwaltung untergebracht, in der Baracke 15 das Magazin. In dieser Baracke wurden auch drei Räume an den Lagerarzt Dr. Mielert übergeben.

Ein zusätzlicher Waschraum wurde bei der Baracke 6, Ecke Granat- und Saphirstraße, gebaut. Auch die Wasserversorgung und die Kanalisation mussten entsprechend der Belegung ausgebaut bzw. neu angelegt werden. Im Bundesauswandererlager waren ständig ca. 400-500 Personen untergebracht, die zur Überprüfung in die Funkkaserne und wieder zurück transportiert wurden.

Für den Transport standen ein Bus und zwei Lastwagen zur Verfügung, für die die Garage an der Granatstraße gebaut wurde.

Nach der Fertigstellung des Speisesaales fand in diesem am 20. Juli 1951 die Eröffnungsfeier für das Bundesauswandererlager statt, das nun durch einen Vertreter des Bundesinnenministeriums offiziell in die Betreuung des Landes Bayern übergeben wurde. An der Eröffnung nahmen hohe Beamte der bayerischen, der bundesdeutschen und der amerikanischen Behörden teil, so der Chef der amerikanischen DP Kommission, Unterstaatssekretär Gibson, Ministerialrat Kleberg vom Bundesinnenministerium und Ministerialdirigent Adam vom Bayerischen Innenministerium.

In einem Teil des Speisesaals befand sich auch eine Kantine, deren Pächter Max Gmeinwieser war, der zwei Räume in der Baracke 15 bewohnte.

 

 

          Speisesaal / Kantine - Eröffnungsfeier 1951

   Copyright :  BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.        

 

   

Durch das Lager wurden mehrere tausend Menschen durchgeschleust, die in die USA, aber auch nach Kanada auswanderten. Den Bewohnern wurde während ihres Aufenthalts im Lager, der mehrere Wochen dauerte, Englischunterricht erteilt. Sie wurden außerdem mit der Geschichte und der Politik der USA bekannt gemacht. So waren sie zumindest ein wenig darauf vorbereitet, was sie in ihrer neuen Heimat erwartete.

Laut der Mitteilung des deutschen Beauftragten des Auswandererlagers München-Karlsfeld, Dr. H. L. Hartdegen vom 11. Februar 1952, wanderten bis Anfang Februar 1952 2.579 Personen aus. Bis das Auswandererlager Ende April 1952 als solches geschlossen wurde, wanderten wohl mehr als 3.000 Personen, die zur Überprüfung durch das Lager geschleust worden waren, aus.

 

Kurz vor der Einrichtung des Auswandererlagers waren übrigens in der Nordostecke des Lagers Gräber unbekannter Häftlinge des KZ-Außenlagerkomplexes Allach entdeckt und mit einem Bretterzaun umfriedet worden. Dieser mit einem Kreuz versehene Friedhof bestand bis Mitte der 1950er Jahre. /Laut einer Auskunft der Stiftung Bayerische Gedenkstätten wurden 1955 111 Leichen exhumiert./

                                     

KZ – Friedhof Nordost Ecke 1951

                                 

         Copyright :    BayHStA, MArb LaFlüVerw 939.

 

Der Speisesaal hatte durch die Schließung des Auswandererlagers seine ursprüngliche Funktion verloren und wurde Ende 1952 dem Radiosender "Freies Europa" jeden zweiten Sonntag vormittags für die Übertragung eines Gottesdienstes, den der polnische Pfarrer Omasta abhielt, zur Verfügung gestellt. Am 13.2.1953 wurde zwischen dem bayerischen Staat, vertreten durch die Regierung von Oberbayern, und der Spaten-Franziskaner-Brauerei ein Pachtvertrag abgeschlossen, um die Bewohner der 1952 erbauten Siedlung Ludwigsfeld zu versorgen.

Der Pachtvertrag enthielt auch Paragraphen über die Überlassung des Saals zum Zweck von Kinovorführungen und über die Verpflichtung des Mieters, den Saal an allen Sonntagen von 8 Uhr bis 12 Uhr für Gottesdienste freizuhalten. Erster Wirt war Max Gmeinwieser. Daher auch die Namen der Gaststätte "Bei Maxi" oder "Kantine".

Das Auswandererlager stand zwei Jahre lang leer und wurde 1954 einer neuen Bestimmung zugeführt. Es wurde instandgesetzt und unter der Bezeichnung "Notunterkunft Ost, München-Ludwigsfeld" für die Unterbringung von Spätaussiedlern und Sowjetzonenflüchtlingen, aber auch anderer Gruppen verwendet.

So wurde 1956 eine Gruppe jüdischer DPs aus dem Lager Föhrenwald in den Baracken der Notunterkunft Ost einquartiert. Bei ihnen handelte es sich vorwiegend um sog. illegale Rückwanderer aus Israel, die jetzt von Ludwigsfeld aus in die USA und nach Kanada auswanderten. Laut der Aussage des Zeitzeugen Abraham Ben, befand sich in einer der Baracken auch eine Synagoge.

Im Regierungslager Ludwigsfeld waren die Baracken inzwischen auch mit heimatlosen Ausländern belegt worden. Der kalmückisch-buddhistische Tempel befand sich in der Zeit von 1956-1966 in einer Zweiraumwohnung in der Smaragdstraße 8, wobei der Gebetsraum nur durch die Wohnküche zu erreichen war.

Ende Dezember 1967 war das Barackenlager Ludwigsfeld ganz geräumt und diente vom 14.5. bis 13.8.1968, teilweise umgebaut zu einem Kriegsgefangenenlager, der Michael Winner LTD als Kulisse für den Film "Hannibal Brooks" mit Oliver Reed in der Hauptrolle und vielen Ludwigsfeldern als Statisten.

 

„Hannibal Brooks“  -  MGM / United Artists

Copyright : Kugel e.V.

 

Ab dem 9.1.1969 übernahm die Bundesvermögensverwaltung das "Reservelager Ludwigsfeld", womit das Lager endgültig aufgelöst war.

Bereits ab Mitte der 1950er Jahre stritten sich der Bund als eigentlicher Grundstücksbesitzer – seit 1951 - und das Land Bayern um eine Nutzungsvergütung für das ehemalige StEG-Lager München-Ludwigsfeld und legten diesen Streit erst 1978 durch eine gegenseitige Verrechnung der Ansprüche für die Nutzung des StEG-Lagers und des Alabama-Depots bei.

Interessant ist, dass aus einem Brief des bayerischen Finanzministeriums vom 7. Juni 1956 an das bayerische Staatsministerium für Arbeit und Fürsorge, der sich mit der Frage der Nutzungsvergütung befasst, hervorgeht, dass die BMW-Flugmotorenbau-GmbH zwei Barackenlager in München-Ludwigsfeld auf fremdem Grund und Boden errichtete.

Die beiden Lager, die als "Lager Ludwigsfeld" (erbaut ab 1940) und "Häftlingslager" (KZ-Außenlager Allach, erbaut ab 1942) bezeichnet wurden, wurden von der Firma BMW mit Vertrag vom 29.3.1945 für 7,5 Mio. Reichsmark an das Großdeutsche Reich, vertreten durch den Reichsführer SS, Reichsminister des Innern, Wirtschaftsverwaltung Hauptamt, verkauft, obwohl der Grund und Boden anderen Besitzern gehörte.

 

Übrigens sollte südlich des KZ-Außenlagers Allach (anfangs offiziell als Russenlager, der BMW gehörig, bezeichnet) auch ein Lager für Engländer entstehen. Dieses Lager wurde aber nie gebaut, dafür wurde mit "Hannibal Brooks" ein Film über englische Kriegsgefangene in dem ehemaligen KZ-Außenlagerkomplex gedreht.

/Nachzulesen sind die Tatsachen in den Akten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs MArb LaFlüVerw 938, 940, 942, 1265/I + II, 2568, MArb LaFlüVerw 782/I+II (Pläne) und MArb LaFlüVerw 939 (Fotos)./

 

 

München, den  6.12.2011                                                 Ewgenij Repnikov

 

                                                                                                                                                                                                              

 

 

 

40 JAHRE SIEDLUNG LUDWIGSFELD  1953 - 1993

 

Textauszüge aus dem Heft "40 Jahre Ludwigsfeld"

von

A. und J. Thiel

Die Siedlung Ludwigsfeld befindet sich auf historischem Boden. „Historischer Boden“ deshalb, weil sich auf diesem Gelände während des 2. Weltkrieges das größte Außenlager des Dachauer KZ’s – Allach – befand. Jenes KZ-Außenlager /oder Außenlagerkomplex/ war unterteilt: in ein „OT-Lager“, benannt nach der Organisation Todt, die militärische und kriegswichtige Bauten erstellte, in dem Juden – hauptsächlich ungarische und rumänische Juden, getrennt in ein Männer- und ein Frauenlager - untergebracht waren; in das sogenannte, westlich gelegene, „Arier-Lager“. In diesem Lager, das eigentliche KZ-Außenlager Allach, befanden sich Häftlinge verschiedener Nationen – ausländische Zwangsarbeiter, die zum größten Teil im angrenzenden BMW–Werk für die Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Alle Lagerinsassen mussten unter härtesten Bedingungen Schwerstarbeit leisten. Insgesamt waren hier im KZ-Außenlager Allach gegen Ende des Krieges 22.000 Menschen inhaftiert, an denen zum größten Teil grausame Verbrechen begangen wurden.

 

KZ - Aussenlager Allach

 

Heutige Siedlung Ludwigsfeld

 

Viele von ihnen sind an den Folgen von Misshandlungen und Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Fleckfieber zugrunde gegangen. Im April 1945 wurde ein Rest von 8970 Männern und 1027 Frauen durch amerikanische Truppen befreit und damit einem traurigen Kapitel deutscher Geschichte ein Ende gesetzt.

  Viele von ihnen sind an den Folgen von Misshandlung und Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Fleckfieber zugrunde gegangen. Im April 1945 wurde ein Rest von 8970 Männern und 1027 Frauen durch Amerikanische Truppen befreit und damit einem traurigen Kapitel deutscher Geschi...........................

 

   

 Viele von ihnen sind an den Folgen von Misshandlung und Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Fleckfieber zugrunde gegangen. Im April 1945 wurde ein Rest von 8970 Männern und 1027 Frauen durch Amerikanische Truppen befreit und damit einem traurigen Kapitel deutscher Geschichte ein Ende Gesetzt.

   

 Viele von ihnen sind an den Folgen von Misshandlung und Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Fleckfieber zugrunde gegangen. Im April 1945 wurde ein Rest von 8970 Männern und 1027 Frauen durch Amerikanische Truppen befreit und damit einem traurigen Kapitel deutscher Geschichte ein Ende Gese

   

Befreiung des KZ-Außenlagers Allach

Die Holzbaracken, ehemals Pferdeställe, aus welchen das KZ-Außenlager größtenteils bestand, wurden abgerissen. Nur das Fundament einer einzigen Holzbaracke ist übriggeblieben – unsere heutige Rollschuhplatte, auf der seit 1953 alle Generationen der Siedlungskinder spielten und noch spielen.

Fundament einer Lagerbaracke des KZ-Aussenlagers Allach

( Heutige Rollschuhplatte der Siedlung Ludwigsfeld )

Unmittelbar nach Kriegsende wurde der östliche Teil des Lagers, alles Steinbaracken, zuerst zu einem Internierungslager, später zu einem Materialdepot der Amerikaner. Ab September 1948 übernahm die StEG das Lager. StEG bedeutet „Staatliche Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut m. b. H“. Ab Ende 1950 lebten im westlichen Teil des StEG-Lagers sog. deutsche Kasernenverdrängte, die aus der Panzerkaserne /auch Will-Kaserne genannt/ in Freimann kamen. Beim Einzug ins StEG-Lager fanden jene Deutschen grauenhafte Wohnverhältnisse vor,  die Baracken mussten erst hergerichtet werden, und in den verwahrlosten Baracken gab es weder Strom noch Wasser.

 

 Alte Lagerbaracken und Kino ca. 1960               Zeichnung des KZ-Aussenlagers von Henri Gayot 1945

Mit finanzieller Unterstützung des Bundes wurde binnen kürzester Zeit das Notwendigste installiert und wurde eine große Kantine an eine der Baracken angebaut (unsere heutige Gaststätte und ehemaliges Kino, sowie die letzte noch existierende und unter Denkmalschutz stehende Baracke). Von ca. 1950 bis zur Auflösung des "Steinlagers" Ende der 60er Jahre war es ein Durchgangslager für Ungarn, Rumänen, Juden, DDR-Flüchtlingen und Andere /Details siehe Bericht "Regierungslager Ludwigsfeld und Bundesauswandererlager Müchen-Karlsfeld"/.

 

Um auf die Siedlung Ludwigsfeld zurückzukommen, muss man erklären, für welchen Personenkreis diese Siedlung ursprünglich bestimmt war. All jene Menschen, die es aus Ländern des Ostens, sei es als Fremd- und Zwangsarbeiter, als Kriegsgefangene oder auf andere Weise nach Deutschland verschlagen hatte, wurden als „Displaced Persons“ bezeichnet.  „Displaced Persons“ bedeutet so viel wie „Verschleppte  Personen“ – abgekürzt DPs. Für diese DPs war die Repatriierung, die Rückführung in ihre Heimatländer, vorgesehen. Die Mehrheit dieser Menschen konnte oder wollte jedoch nicht zurück in die Heimat. Hauptgrund dafür war die kommunistische Herrschaft in ihren Herkunftsländern. Eine Rückkehr hätte für sie Gefahr für Leib und Leben bedeutet und war somit ausgeschlossen. ***

Die UNRRA, was so viel bedeutet wie „Entlastungs- und Resozialisierungs-Verwaltung“, eine internationale Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, nahm sich, unterstützt von Wohltätigkeits- und Kirchenverbänden, ab 1945 der DPs an. Mit ihrer umfangreich organisierten Verwaltung sorgte die UNRRA zu allererst für die Unterbringung der Leute in Kasernen und Barackenlagern, ebenso wie für Nahrung und eine ausreichende medizinische Betreuung.

 

Selbst die Kultur kam nicht zu kurz. In einem der größten Lager, dem DP–Lager Schleißheim, gab es u.a. eine Bibiliothek mit über 3000 Büchern in mehreren Sprachen. Drei verschiedene Barackenkirchen wurden aufgestellt – man bemühte sich um ein menschenwürdiges Dasein. Doch Ziel der UNRRA, ab 1946 der IRO, war es, alle DPs in westliche Länder wie die USA, Australien, Kanada, Neuseeland, England und Südamerika auswandern zu lassen.

Mit Sprach- und Handwerkskursen wurde auf die Emigration vorbereitet. Alle mussten sich einer strengen Selektion unterziehen, das man „Screening“ nannte, eine Art Durchleuchtung nach gesundheitlichen, moralischen und politischen Gesichtspunkten. Auswandern konnten also nur Personen, die diesem Screening standhielten. Der Personenkreis, der für die Auswanderung nicht in Frage kam, bestand aus: alten Menschen, Kranken, sogenannten Kollaborateuren – wie z.B. ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS, Hiwis – den sogenannten Hilfswilligen, die in der deutschen Wehrmacht und der Wlassow–Armee gedient hatten, und sogenannten „nicht Integrierbaren“ sowie solche Personen, die nicht auswandern wollten.

Diese Gruppe, die nicht zur Auswanderung bestimmt war, nannte man die „Hard Core–DPs“, den „harten Kern“. Für jene Hard Core-DPs musste nun ein neues Zuhause und Wohnraum geschaffen werden, eine zusätzliche Belastung für die Bevölkerung des Nachkriegs-Deutschlands, das sich mit ca. 230.000 Hard Core DP’s überfordert fühlte. Zudem galten diese Menschen noch kurz zuvor als „Untermenschen“ und nun sollten sie für immer mitten unter den Deutschen leben.

Man musste für eine angemessene Unterbringung dieser Menschen sorgen. Deshalb wurden einige DP–Siedlungen in ganz Westdeutschland geplant – die Größte davon in München-Ludwigsfeld. Parallel dazu schuf man 1951 speziell für diesen Personenkreis den Status des „heimatlosen Ausländers“. Dieser Status war ein völkerrechtlicher Status, der die gleichen Rechte und Pflichten wie die des deutschen Staatsbürgers enthielt, jedoch mit Ausnahme des aktiven und passiven Wahlrechts, der Wehrpflicht und des Rechts, Beamter zu werden. Durch die Heirat mit einem „heimatlosen Ausländer“ wurden die deutschen Ehefrauen automatisch auch zu „heimatlosen Ausländern“ /d. h., sie verloren ihre deutsche Staatsangehörigkeit/ – anders herum war es wesentlich schwieriger!

Wie die Siedlung Ludwigsfeld zu ihrer bemerkenswert bevorzugten Lage im Grünen, umgeben von Wald und Feldern kam, lässt sich nur vermuten.

Schließlich war das Gelände bereits durch das ehemalige KZ-Außenlager einigermaßen erschlossen und lag außerhalb – und somit weit genug entfernt, um möglicherweise die deutsche Bevölkerung vor den „Exoten“ und „Slawen“ zu schützen.

1952 wurde der Bau der Siedlung innerhalb von 7 Monaten, bis auf den Bau der Geschäfte /vollendet 1953/, abgeschlossen. Er wurde mit Marshall-Plan-Geldern finanziert. Ende 1952 begann der Einzug in die Siedlung Ludwigsfeld. Die Mehrheit der DPs kam aus dem Regierungslager Schleißheim /1300 Personen/ und anderen Lagern wie Feldafing und Neu-Ulm, wo sie bis dahin von der IRO (einer Nachfolgeorganisation der UNRRA) und der bayerischen Landesflüchtlingsverwaltung betreut worden waren.

 

 

  

 

 

 

 

Bau der Siedlung Ludwigsfeld 1952

Der Umzug selbst vollzog sich in Etappen. Die alten Leute, Frauen und Kinder wurden mit Bussen befördert, während die Männer mit den wenigen Habseligkeiten per Lastwagen kamen. Ein Teil der Leute musste in den Steinbaracken, die noch aus der Zeit des KZ-Außenlagers standen, untergebracht werden, weil nicht genügend Wohnraum vorhanden war und in manchen Fällen teilten sich zwei Familien eine Wohnung.

                                                                                                                                 

 

 Die Siedlung Ludwigsfeld um 1954 

              

 Nach jahrelangem Leben in KZ’s und anderen Lagern, unter sehr entbehrungsreichen Bedingungen, fern der Heimat und Familie, nun endlich ein neues Zuhause gefunden zu haben, ließ die Menschen aufatmen und neuen Mut schöpfen. Insgesamt hatte die Siedlung nach abgeschlossenem Einzug knapp 3.000 Einwohner, davon 2.025 Heimatlose Ausländer und 873 Deutsche. Ein Gefühl der Befreiung und Freude, gemischt mit einem Anflug von Trauer und Zukunftsängsten, war Anfangs deutlich spürbar. Um sich jedoch ein genaueres Bild vom Leben in der Siedlung Ludwigsfeld, in den Anfangsjahren, machen zu können, muss geschildert werden, aus welchem Völkergemisch ihre Einwohner zusammengesetzt waren. Alle stammten fast ausschließlich aus dem ehemals kommunistischen Machtbereich, kamen aus 22 Nationen und gehörten den unterschiedlichsten Religionen an wie z.B. Buddhisten, Christen – unterteilt in Armenisch-Gregorianisch, Baptisten, Evangelisch, Griechisch- und Römisch Katholische, sowie Griechisch- Russisch- Serbisch- Ukrainisch Orthodox, Zeugen Jehovas und Moslems. 

 

 

Ludwigsfelder Kinder am Onyxplatz ca. 1954

 In den ersten Jahren wanderten noch etliche Familien aus, und gleichzeitig gab es Einzelne, die hier nicht zurechtkamen und in ihre Heimat zurückkehrten. Für die anderen nahm das Leben seinen Lauf.

Die „Kantine“, so hieß damals unsere Gaststätte, die 1951 an die noch existierende und unter Denkmalschutz stehende Baracke angebaut worden war /und bis 1952 als Speisesaal der volksdeutschen Auswanderer diente/, war stets gut besucht, von manchen zu oft und ausgiebig. Doch der damalige Wirt, als „Max“ /Gmeinwieser/ bekannt, hatte seine eigene Art, mit ihnen fertig zu werden. Die andere, später abgetrennte, Hälfte des Gebäudes, das „Kino“, wurde von Groß und Klein mit Begeisterung aufgesucht. Samstagabend war Tanz in der Kantine, in die man toll aufgemacht hineinströmte, bis sie berstend voll war. Man spürte an jenen Abenden die lang entbehrte Sehnsucht nach Vergnügen, und alle waren in Hochstimmung. Diejenigen, die wegen Überfüllung nicht hinein konnten, hatten die Möglichkeit, draußen über Lautsprecher daran teilzunehmen. Über alle Jahre hinweg war die Gaststätte, außer Vereinslokal, der wichtigste Treffpunkt und wird es hoffentlich wieder werden.

 

Das alte Kino & Gaststätte nebst unter Denkmalschutz stehender Lagerbaracke

 

2007 wurde die Siedlung Ludwigsfeld von der Bundesvermögensverwaltung, heute BIMA , an die Patrizia AG verkauft. Von 2009 bis 2011 befand sich die Siedlung in einer Sanierungs - und Modernisierungsphase, die Arbeiten gingen rasch voran. Leider haben wir in der Siedlung keine Gaststätte und auch keine größeren Räumlichkeiten für Veranstaltungen mehr. Wir hoffen, dass auch hier die Sanierungsmaßnahmen bald beginnen. 

 

******************************

 

ÜBERGABE DER GOLDENEN FRIEDENSTAUBE AN DIE SIEDLUNG LUDWIGSFELD

 

Am Samstag, den 2. Juli fand vor der Gedenktafel an der ehemaligen Lagerbarake die feierliche Übergabe der Goldenen Friedenstaube statt. Sie steht für den Art. 13, die Reisefreiheit, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie wurde von der Oberschleißheimer Bürgermeisterin Frau Elisabeth Ziegler an die Stadträtin der Landeshauptstadt München Frau Heide Rieke überreicht und wanderte anchließend durch die Hände der vielen Nationen von Ludwigsfeld. Zur Zeit ist Sie in einer schönen Dekoration in Renate's Puppenstübchen, in der Ludwigsfelder Einkaufsmeile am Onyxplatz zu sehen. 

 

 

LUDWIGSFELDER GEDENKTAFEL

Am 30 April 2014 jährte sich zum 69. mal der Tag der Befreiung des KZ - Außenlagers Allach. Die KUGEL- Kulturgemeinschaft Ludwigsfeld e.V. bemüht sich schon seit ihrem Bestehen, die Geschichte des Geländes der heutigen Siedlung Ludwigsfeld publik zu machen und die Gräueltaten dieser schlimmen Zeit ans Licht zu bringen.

Auch in diesem Jahr kamen Angehörige der Opfer, um Blumen und Kränze an der Gedenkstelle der letzen, noch verbliebenen und unter Denkmalschutz stehenden Baracke, nieder zu legen.

Die Niederlande gedenken jedes Jahr am 4. Mai der Opfer des 2. Weltkriegs. Aus diesem Anlass legten am 4. Mai 2014 der Generalkonsul der Niederlande, Rob Zaagman, Pieter Breen und weitere Mitglieder des Inernationalen Komitees von Dachau (CID) Blumen vor der Gedenktafel an der letzten Baracke des KZ-Außenlagers Allach, in dem auch viele Niederländer inhaftiert waren, ab. 

                                                                                                                                                         Fotos / Copyright CID

 

Unter Denkmalschutz stehende Gebäude und Objekte  

Letzte noch stehende Lagerbaracke mit Gedenktafel

 

Süddeutsche Zeitung Nr. 99               Sa. / So. 30. April / 1. Mai  2011

 Stunde der Erinnerung

 Allach – Karlsfeld war eines der größeren Außenlager des Konzentrationslagers Dachau und zugleich Teil eines weit verzweigten Systems von mehr als 140 Außenstellen. Eine Gedenktafel am einzigen heute noch existierenden Barackenbau in der Siedlung Ludwigsfeld erinnert seit 1997 an die Zeit des Holocaust, an Zwangsarbeit und Ermordung. Am gestrigen Freitag legten CID – Vizepräsident Benoit Darmont (links) aus Belgien und Ivo Holtz aus den Niederlanden, Söhne ehemaliger Insassen, als Vertreter des Comite’ International de Dachau (CID) mit ehemaligen Häftlingen aus Ungarn, Tschechien, den Niederlanden und Frankreich einen Kranz an der Gedenktafel nieder. Dazu lasen Dominique Boueilh, Sohn von Didier Boueilh, und Sonja Holtz-Arendse auf Französisch und Deutsch unter anderem aus der Rede des damaligen CID-Präsidenten Andre’ Delpech bei der Enthüllung der Gedenkplatte „Wenn auch das Lager Allach dem Erdboden gleich gemacht wurde, so wurde es aber nicht aus dem Gedächtnis der Menschen gestrichen“                                              tek/Foto: Renate Schmidt